Bouldern im Chillertal…              

… aus der Sicht eines Alpinisten

Als Bouldern bezeichnet man das Rumturnen bzw. Drunterflaggn* an überdimensional großen Kieselsteinen. Meistens befinden sich diese, wie auch im Zillertal, unter den richtigen Bergen mit den großen Wänden, von denen die Blöcke ja auch abstammen. Quasi das überschüssige Material, welches die Wand nicht mehr braucht und in die Tiefe schickt. Wehe man steht bei einer solchen Geburtsstunde grade in der Nähe eines entstehenden Bouldergebiets. (Helmpflicht für Boulderer?)

Warum ich das jetzt alles schreibe? Weils dieses Jahr tatsächlich soweit gekommen ist, dass ich mich im Sommer auch an paar dieser Kieselsteine ausgetobt habe. Diese waren aber früher sicher Bestandteil einer stolzen Wand! Wie es dazu gekommen ist? Weiß ich selber nicht mehr so genau…

Aber wenns in Zukunft mit Klimaerwärmung und Permafrostrückgang so weitergeht, muss man auch als Alpinkletterer der Wahrheit ins Auge schauen und sich vorbereiten. Manche prominente Berge (Piz Cengalo, Petit Dru, etc) durchschreiten gerade die Umwandlung zum zukünftigen Bouldergebiet.

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Letzten Endes war das Wetter sowie die Motivation und Begeisterung gewisser Jungmannschaftler daran schuld, dass ich Anfang August mal wieder Richtung Zillertal fuhr. Diesmal aber nicht mit Halbseile, Helm, Topo und Friends, sondern Chalkbag, vieeel zu engen Schuhen und Spezialmatratzen. Dort angekommen, haben wir erstmal geschlafen, auch das ist integraler Bestandteil des Boulderns. Zur Regeneration. Von der harten Anreise. Wichtig! Nachdem es am nächsten Morgen auch noch geregnet hat, haben wir nach dem Dreistundenfrühstück (vgl. zum Alpinklettern: 5min) nochmal geschlafen. Zur Regeneration. Von dem harten Frühstück. Wichtig! Irgendwann hat dann keiner von uns mehr schlafen können, daher haben wir uns hochmotiviert auf die Suche nach den ominösen Gesteinsbrocken gemacht. Und diese nach 10min auch gefunden (vgl. zum Alpinklettern: 2-5h) Leider nass. Aber zumindest gefunden. Hier ein großer Trost für mich, beim Alpinklettern heißt nass meistens: Gehe zurück auf Los, bzw. zum Auto. Beim Bouldern sucht man sich einfach zwischen den nassen Blöcken ein halbwegs trockenes Fleckerl und breitet die mitgeschleppte Bouldermatte darunter aus. Dan hat man 2 Möglichkeiten. A) weiterschlafen, bis was trocken ist. B) Bürsten, Abtrocknen, Chalken, Rumprobieren und Streicheln des Felsens bis er trocken ist und die Finger wund und man auf dem Block steht, oder eben nicht. Bei mir wars meistens eher nicht.

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Danach darf eines nicht vergessen werden. Die Regeneration! Am besten hilft dabei die orale Verabreichung reichhaltiger Speisen und eines Spezialregenerationstrunks (Umgangssprachlich: Bier).  Und für die Haut auf den Fingern gibt’s Spezialsalben und Cremes. Und danach wieder Schlaf. Lieber etwas mehr wie weniger, schadet ja nicht. Die nächste Alpintour kommt bestimmt bald.

Nächster Tag, selbes Spiel. Bloß das Wetter war besser, dafür Kraft und Haut weniger. Trotz allen Regenerationsbemühungen. Macht aber nichts, die Motivation war da und nach so viel Schlaf auch ein gewisser Bewegungsdrang. So kam es, dass wir uns zwei Tage lang durch die große Welt der kleinen Blöcke im Zillertal probierten und manchmal auch wo oben ankamen. Am Gipfel quasi. 3m höher als der Ausgangspunkt. Nach 4h Bemühungen. Macht eine Klettergeschwindigkeit von 0,75 Meter pro Stunde (vgl. zum Alpinklettern: ca. 200m/h) Egal. Bloß Aussicht und Tiefblicke können nicht ganz mit dem Alpinklettern mithalten. Platt war ich danach jedenfalls genauso als nach 16h Alpinklettern. Aber bei weitem nicht so müde 😉

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Am Ende der zwei Tage konnten folgende Kieselsteine (Fachjargon: „Probleme“) probiert oder geklettert werden: Dynamo, Blockbua, Pfeil, Hotel California, Wellblechkante, Wackelpudding. Und nächstes Wochenende geht’s wieder zum Bouldern!

 

Wer sich zwischen den beiden Sportarten nicht entscheiden kann, geht einfach Sportklettern.  Anbei habe ich trotzdem noch eine Liste mit den Vor- und Nachteilen der beiden Extreme zusammengestellt.

Ein unparteiischer Vergleich: Pro‘s und Kontra’s Bouldern (im Vergleich zum richtigen Bergsteigen…)

+             Man schafft es, den Schlafmangel von den letzten Alpintouren zu kompensieren

+             Man ist meistens früh wieder zurück, wenn man nicht schon beim Bouldern einschläft.

+             Zu- und Abstiege gestalten sich meist um einiges Knieschonender

+             gutes Training für die großen Sachen…

+             ein Totalabsturz hat meistens geringere Folgen als beim Alpinklettern

+             man spart sich in der Regel die nervenaufreibenden Abseilfahrten

+             Wenn ein Block aufgrund Sturzregens nass ist, geht man meist nur ein paar Meter bis zum nächsten (macht‘s des mal an der Watzmann Ostwand…)

+             man ist an der frischen Luft und weg von der Straße

+             die Matratze (Fachjargon: Crashpad) eignet sich super für a Brotzeit und den darauffolgenden Mittagsschlaf

-              Man läuft die ganze Zeit mit einer Matratze aufm Buckl in der Gegend rum

-              Die Matratze aufm Buckl führt oft zu Kopfschütteln und Unverständnis in der Gesellschaft

-              Die Gipfelsicht des bestiegenen Blockes kann nicht mit der des Alpinkletterns mithalten

-              Auch beim Bouldern kann man sich verletzen

-              zu starker Fanatismus führt oft zu Frustrationen (vgl. Alpinklettern: starke Übermüdung)

-              zu wenig Fanatismus* führt zu Übergewicht und Abbau der sportlichen Leistungsfähigkeit

-              wehe der Block kommt ins Kippen…

-              Der Abenteuerfaktor (frieren, dursten, hungern, schwitzen) kommt zu kurz

-              [Platzhalter dass die positiven Argumente nicht mehr sind als die Negativen]

-              Auf Instagram & Co machen 500m Luft unterm Ar*** einfach mehr her als 3m

*Zu deutsch: Darunter liegen und rasten

Bericht erstellt vom Verein unparteiischer und unabhängiger Verfechter des Alpinismus (VuuuVdA)

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Mit dabei waren: die Geschwister Gernt, Uli die Bouldermaschine & ein Alpinist

Bilder von Thomas März

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