Von der Wand in den Schlund in die Freiheit!!!

Göll Westwand, „Kleiner Trichter“

Als ich um sechs Uhr nach einer wunderbaren Sternennacht in meinen warmen Schlafsack von meinem Alpinistenfreund Simon geweckt werde, ist der Tag eigentlich schon gewonnen. Die Nacht war kurz, Mitte August fliegen Sternschnuppen im Minutentakt, und diese sind in in der Gegend besonders gut zu sehen. Irgendwann sind mir dann doch die Wünsche ausgegangen und ich bin tief und fest eingeschlafen.

Die morgentliche Routine beinhaltet Gaskocher suchen und anschmeißen, Espressokanne befüllen und rauf auf den fauchenden Kocher. Der nächste Schritt erübrigt sich diesmal (Suche nach Essbarem), denn der Simon steht da, mit ‘ner Schachtel roher Eier und Speckch, und grinst mir ins Gesicht… Geht’s eigentlich noch besser??? Solche einfachen Sachen lernt man erst zu schätzen, wenn man (zu) lange ohne sie ausgekommen ist.

Als ein hellblauer Opel samt Tina um die Ecke düst und neben uns stehenbleibt sind mir gerade mit dem ersten Gang Rührei mit Speck fertig. Darauf folgt ein zweiter und noch ein Kaffee. So musste uns unser drittes Mitglied der Seilschaft noch eine halbe Stunde beim Frühstücken zuschauen, die Eier waren schuld. Danach kamen wir aber in die Gänge und stiegen gestärkt und motiviert ins Endstal hoch. Unser Ziel war die Route kleine Trichter, ein Pause-Klassiker der mittlerweile aber gut saniert worden ist, die Stände gebohrt und an den notwendigen Stellen ergänzt auch der eine oder andere Bohrhaken die alten Schlaghaken.

Der Simon bekommt die ersten Längen und holt uns zügig nach. Dreierseilschaften haben (zumindest für die beiden Nachsteiger) den Vorteil, dass man sich die Sicherungsarbeit teilen kann und auch noch einen Gesprächspartner an der Seite hat. Der Vorsteiger hingegen bekommt zwar die Ehre des Seilersten, ist aber auch maßgeblich für das Vorankommen zuständig und hat somit an rechten Stress. Damit für unseren Südtiroler der Kurzurlaub in seiner alten Wahlheimat nicht zu arg in Arbeit ausbricht, übernehme ich ab der Schlüsselseillänge die Führung.

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Tina beim Seilzugquergang          

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gemischte Gefühle im Trichtergrund

 

Eine Techniklektion aus vergangenen Zeiten - aka Seilzugquergang - führt bei den Nachsteigern kurz zu Verwirrung, bringt uns aber zum Herzstück der Wand. Dem sogenannten Trichter. Meist nass und düster, wir hatten das große Glück und er war nur düster aber trocken. Die 2te Lektion - Kamin(trichter)klettern - wird dann in stemmender/spreizender Manier gemeistert. So entkommen wir dem düsteren aber trockenen Schlund und arbeiten uns der warmen Sonne entgegen. Am sogenannten Pfeilerkopf - unserem heutigem Tagesziel - merken wir, dass wir eigentlich erst die Hälfte der „Wand“ haben. Für uns ist das aber genau da, wo wir hinwollten, und zwar in der Sonne

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Die Jugend beim Trichtern :D

Nach einer Pause ging‘s zu meiner persönlichen Lieblingslektion - Nr. 3 - dem Abseilen. Der Versuch, den Abenteuerfaktor hochzuhalten, gelang trotz der gut eingebohrten Abseilpiste. Leider war der Spaß viel zu schnell vorbei, wir waren wieder im Talkessel und machten uns über Simons deponierte Notvorräte her (Apfel, Käse, Kekse). Bloß die geniale Gaskocherspiegeleier/Speckkombination fehlte. Aber die hatten wir ja schon in der Früh.

Der Abstieg verging fast im Flug, und als die Westwand am Parkplatz in beinahe schon kitschigem Abendrot strahlte, beendeten wir den wunderbaren Bergtag, erfüllt von Eindrücken und Erfahrungen. Unser Beileid galt unserem Südtiroler Jungmannschafts-Außenposten, der zwar wie wir auch erst am Montagmorgen zur Arbeit erscheinen musste, allerdings noch den Brenner zwischen sich und seiner neuen Arbeitsstelle hat.

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Vom Schatten in die Sonne, höher gehts heute nimmer... (da kommt dann nämlich wieder der Schatten...)

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Ein würdiger Abschied, der Montag kann kommen

 

PS: es geht auch ohne Longlines ;)

 

Bericht & Bilder von Thomas März

 

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